14.11.2011

Rede zum Volkstrauertag

von Andreas Hesener


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Altenberger,

vor einigen Jahren sind ca. 80 Briefe meines Vaters auf dem Dachboden unseres Elternhauses aufgetaucht, in der mein Vater die Erlebnisse des 2. Weltkrieges in Russland seinen Eltern und Geschwistern geschildert hat. Über diese Briefe hat mein Vater zu Lebzeiten nie gesprochen, wir wussten gar nicht, dass diese existierten. Die Briefe sind zunächst unbeschwerte und sorglose Berichte eines 21-jährigen Mannes an seine Lieben in der Heimat. Doch im Laufe der Wochen und Monate  erkennt man bald die Ängste, Sorgen und die Verzweiflung, die manchmal nur zwischen den Zeilen zu lesen ist.

Ich möchte einen Ausschnitt eines Briefes vorlesen, der von meinem Vater in einem Feld-Lazarett geschrieben wurde:

„Im Osten , am Sonntag, den 25. Januar 1942

Ihr Lieben daheim!

Zunächst die herzlichsten Sonntagsgrüße aus dem fernen Russland.

Heute ist bei mir seit Wochen das erste mal Sonntagsstimmung. Mein erfrorener Fuß ist auf dem Wege der Besserung, ich selbst 150 km hinter der Front. Ihr glaubt gar nicht, wie gut es tut, wenn man mal kein Schießen und Kriegsgeschrei hört, sondern sich pflegen kann
bei Musik und schönen Büchern. Das einzige Übel augenblicklich sind Läuse und die unglaubliche Kälte.  Wir haben hier jetzt tagsüber 45 Grad Kälte. Nachts wird es bis 56 Grad kalt. Aber dieses Wetter muss ja irgendwann mal zu Ende gehen, und dann ist hoffentlich das schlimmste vorbei. Für schwere Mäntel hat die Wehrmacht ja wohl gesorgt, aber am schlimmsten ist es an Händen und Füßen.
Sagt mal, ist das nicht wohl eine zu harte Schule, durch die der Herrgott mich gehen lässt, bevor ich richtig ins Leben eintrete. Ich will nicht hadern, aber was ich hier schon alles mitgemacht habe, ist unter aller Sau...“

In einem späteren Brief schreibt er an seine Schwester:

“Du hast ganz recht, wenn du sagst, so manches junge Leben geht hin, weil keine Hilfe da ist. Mit eigenen Augen habe ich viel Schreckliches gesehen und x-mal geheult, weil ich nicht helfen konnte, besonders in der letzen Zeit -  Erst gestern hab ich ein schlimmes Erlebnis gehabt, ein Kamerad kam vom Wege ab und ist auf eine Mine getreten. Die Fleischfetzen hingen in den Bäumen – aber der arme Kerl lebte noch. Als wir ihn holen wollten, ging noch eine Mine hoch und drei Kameraden wurden verletzt, ich habe Glück gehabt."

Und diese Briefe werden gelegentlich noch ernster und trauriger, manchmal auch hoffnungsvoll und  setzen sich fort bis zu seiner Entlassung aus russischer Kriegsgefangenschaft im Oktober 1948.

Das Lesen dieser Briefe war für mich, der glücklicherweise nie einen Krieg erleben musste, wie eine Reise in eine andere Zeit. Und es war für mich eine ganz persönliche Geschichte zu den Grausamkeiten des Krieges. Heute verstehe ich, warum mein Vater nicht gerne über diese Zeit geredet hat – er wollte aus seiner Sicht die Schrecken des Krieges vergessen. Ich kann das verstehen. Dieser furchtbare Krieg hat diesen jungen Menschen, die vielleicht schönste Zeit Ihres Lebens gestohlen.
Doch das, was mein Vater am liebsten vergessen wollte, daran müssen wir immer wieder erinnern.

Eines war in allen Briefen heraus zu lesen.  Er hat sich, wie alle  Soldaten, egal aus welchem Land, aus welchem Volk,  die in den Krieg verwickelt waren, nach Frieden, nach einem Zuhause, nach seiner Familie gesehnt. Alle haben auf Post aus der Heimat gewartet und diese Briefe wie einen Schatz aufbewahrt. Diese Briefe haben in  schweren Stunden Kraft und Trost gegeben. Vielleicht haben sie in ihm die Hoffnung wach gehalten, heil und gesund aus den Kämpfen zurückzukehren und selbst in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben oder zu verzweifeln.

Mir wird zudem dadurch eines ganz klar: Es waren keine „Helden“, die da in den Kampf geschickt wurden. In Deutschland, in England, in Frankreich, in Russland, in Amerika waren es Menschen, die sich auf den Schlachtfeldern nichts sehnlicher wünschten, als weit weg bei ihren Familien, in ihrer Heimat zu sein.

Das waren keine Helden - sie waren  Opfer.

Aber nicht nur die Soldaten waren Opfer:

Millionen über Millionen Menschen hat dieser Krieg an Opfern gefordert: Alte und Wehrlose, Verfolgte, Behinderte, Frauen und Kinder, Menschen anderer Rasse und Hautfarbe. Familien wurden auseinander getrieben; Kinder, die nie ihre Väter kennen gelernt haben. Friedliche Länder wurden angegriffen, ganze Landstriche wurden ausradiert.

Menschen wurden umgebracht, weil Sie als lebensunwert bezeichnet wurden.

Insgesamt verloren im 1. Und 2. Weltkrieg über 100 Millionen Menschen ihr Leben. Eine unvorstellbar gewaltige Zahl. Noch mehr blieben zurück, in tiefer Trauer, verletzt und verwundet an Leib und Seele oder seelisch zerbrochen.

All dieser Menschen gedenken wir an diesem Volkstrauertag.
Wir gedenken heute aber auch der Opfer aller Kriege der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart –in Afghanistan, im Kosovo, in Afrika, wir gedenken der Opfer der rechten und linken Gewalt:
                                     
Was unvorstellbar schien, hat sich seitdem millionenfach wiederholt: in den Straflagern und Kriegsgefangenenlagern dieser Welt, in den DDR- Stasigefängnissen, in Bürger-und Glaubenskriegen. Zurzeit werden auf der Welt 47 aktuelle kriegerische Konflikte gezählt – immer wieder werden dadurch Frauen und Männer, Junge und Alte Opfer von Hass und Unterdrückung, von „ethnischen Säuberungen“ und Völkermord.
 Und es geht weiter: Überall auf der Welt wird gekämpft, wird gemordet, werden Menschenrechte mit Füßen getreten. Die Opfer sind Menschen wie wir – vergessen wir das nicht!

Hinter mir, an den Holztafeln erinnern wir uns an junge Menschen, die durch den Krieg ihr Leben lassen mussten.  Keines dieser Opfer wollte sterben. Ich bin mir ganz sicher: Jeder hätte diesen Heldentod gerne gegen sein Leben zurückgetauscht.

Erich Kästner hat einmal gedichtet,  „die Menschen werden nicht gescheit“. Vermutlich  hat er Recht, denn weil die Toten schweigen, beginnt wieder alles von vorn. Gut, das es Briefe gibt, wie sie mein Vater geschrieben hat, denke ich.

Wir alle müssen - jeder mit seinen Mitteln- versuchen, den Frieden zu erhalten.

Durch Erinnerung, durch Mahnung, durch Zivilcourage, durch Respekt und Toleranz vor dem Anderen  und Achtung vor dem Leben. Durch aufrüttelnde Worte, wie wir sie gerade vorher in der Predigt im Gottesdienst gehört haben. Diese Predigt hätte mehr Zuhörer verdient gehabt.

Wir müssen diesen Volkstrauertag in allen gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam wach halten. Ich bedauere deshalb sehr, dass genau in dieser Stunde eine Kulturpreisverleihung in Altenberge stattfindet. Eine Terminverschiebung kam scheinbar nicht in Betracht. Ich finde das schade, da wir uns diese Gedenkstunde als Gedenkstunde für Alle bewahren sollten.
 
Wir dürfen nicht müde werden, durch die Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag immer wieder zu mahnen, wie schrecklich Kriege und Gewalt sind, damit solche Briefe, wie sie mein Vater und viele andere Menschen geschrieben haben, vielleicht irgendwann  nicht mehr geschrieben werden müssen.
 
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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